Die Titel des Nahrungsmittelkonzerns geben nach dem forcierten Abgang von Laurent Freixe deutlich nach. Die Hoffnungen auf einen strategischen Richtungswechsel erfüllen sich vorerst nicht.
Der Skandal um den abgetretenen Nestlé-Chef Laurent Freixe belastet den weltgrössten Nahrungsmittelkonzern. Am Dienstagmorgen stehen die Nestlé-Aktien an der Schweizer Börse stark unter Druck und haben zum Handelsstart zeitweise mehr als 3 Prozent verloren.
Am Vorabend war bekanntgeworden, dass Freixe wegen einer verheimlichten Liebesaffäre das Unternehmen verlassen muss. Nestlé gehört mit einer Marktkapitalisierung von 190 Milliarden Franken zu den drei grössten Schweizer Unternehmen. Es bestimmt wegen seines grossen Börsenwerts die Richtung des Leitindexes SMI massgeblich mit.
Laurent Freixe habe den Code of Conduct des Konzerns verletzt, heisst es aus Vevey. Der Franzose hatte eine Liebesbeziehung mit einer direkt unterstellten Mitarbeiterin nicht gemeldet. Die Beziehung konnte erst durch eine externe Untersuchung nachgewiesen werden. Damit endet Freixe’ Amtszeit nach nur einem Jahr.
Weiteres Vertrauen zerstört
Freixe hatte das Steuer des Konzerns von Mark Schneider übernommen. Er hätte Nestlé stabilisieren und neu ausrichten sollen. Schneider als extern rekrutierte Führungskraft musste die Firma wegen unzureichender Aktienperformance verlassen. Mit Freixe als Nestlé-Urgestein wollte sich das Unternehmen auf seine Grundwerte rückbesinnen und strategisch zurück zu seinen Wurzeln finden.
Dieser Ansatz ist bisher gescheitert: Die Aktien haben unter Freixe’ Führung weitere 16 Prozent verloren. In den vergangenen fünf Jahren steht der Verlust bei 30 Prozent – was viele Schweizer Anleger und Vorsorgende belastet. Zwar legte Nestlé ein gutes erstes Quartal hin und war operativ solide unterwegs.
Doch das Vertrauen fehlt weiterhin, Ende Juli fielen die Titel kurzzeitig unter die Marke von 70 Franken – der tiefste Stand seit 2016. Freixe konnte die Anleger offenbar nicht vom Turnaround und von seiner «Zurück zu den Wurzeln»-Strategie überzeugen. Mit der Liebesaffäre ist nun weiteres Vertrauen zerstört worden.
Enttäuschung: Strategie unverändert
Ob es dem Freixe-Nachfolger Philipp Navratil gelingen wird, dieses wiederherzustellen, ist offen. Als ehemaliger Nespresso-Chef hat er zwar einen guten internen Leistungsausweis. Der Nestlé-Verwaltungsrat betonte aber, dass die strategische Ausrichtung unter dem neuen Schweizer CEO Navratil unverändert bleibe. Der VR-Präsident Paul Bulcke und sein Nachfolger Pablo Isla wollen bloss das Tempo bei Wachstum und Effizienz erhöhen.
Das kommt im Markt bis jetzt nicht gut an. Die einflussreichen Analysten der amerikanischen Bank J. P. Morgan zeigen sich in einem Kommentar enttäuscht darüber, dass der neue CEO derzeit gezwungen sei, die Strategie seines Vorgängers fortzusetzen. Denn angesichts der historisch niedrigen Aktienbewertung von Nestlé zweifle der Markt offensichtlich an deren Erfolg.
Die amerikanischen Marktbeobachter gehen nicht davon aus, dass Freixe’ Entlassung die Anleger beruhigen wird. Es sei bereits das zweite Mal innerhalb eines Jahres, dass das Unternehmen einen neuen Chef ernenne, ohne eine gründliche Suche nach einem Nachfolger durchgeführt zu haben.
Patrik Schwendimann, Analyst bei der ZKB, glaubt zwar, dass der neuerliche CEO-Wechsel zu lähmender Unsicherheit führen könnte. Er könnte aber auch die Rückkehr zu den Stärken von Nestlé beschleunigen. Er sieht Philipp Navratil als «gutschweizerischen Kompromiss» zwischen den beiden Vorgängern. Navratil könnte mehr frischen Wind von innen bringen, und auch sein Erfolg bei Nespresso dürfte helfen.
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