Kein anderer Aktienmarkt hat so hohe Renditen erzielt wie der amerikanische. Diese Überlegenheit dürfte andauern – auch wenn China immer wichtiger wird.
Amerikanische Flagge an der Fassade der Börse in New York: Der Anteil der USA am globalen Aktienmarkt ist auf 62 Prozent geklettert.
Guerin Charles/ Abaca/ Imago
De facto gibt es derzeit nur eine Nation, die das weltweite Geschehen diktiert: die USA. Das gilt gegenwärtig für die Geopolitik mit dem Angriff auf das iranische Regime. Desgleichen hat die US-Regierung der Weltwirtschaft ihren Stempel aufgedrückt. Der Handelsstreit markiert einen Wendepunkt für die Globalisierung. Auch technologisch gibt Amerika den Takt vor, insbesondere bei der künstlichen Intelligenz.
Doch wie fundiert ist diese amerikanische Dominanz? Bildet sie die wahren Kräfteverhältnisse ab, oder basiert sie auf einer gefährlichen Selbstüberschätzung? Nimmt man die Bedeutung der USA für die globale Wirtschaftsleistung als Massstab, so ist das Land zwar die klare Nummer eins. Der Anteil am weltweiten Bruttoinlandprodukt (BIP) ist von 24 Prozent im Jahr 1900 auf heute 36 Prozent gestiegen. Doch liegt China mit einem Anteil von 23 Prozent nur wenig zurück. Deutschland kommt derweil auf 6 Prozent.
Was indes auffällt: Den Zenit haben die USA hier längstens überschritten. In den frühen 1950er Jahren war der Anteil am globalen BIP zeitweise auf über 50 Prozent geklettert. Interessant ist nun aber, dass sich die amerikanischen Finanzmärkte von dieser sinkenden Bedeutung der Realwirtschaft abgekoppelt haben.
Die USA sind einsame Spitze
Dies ist die wichtigste Erkenntnis aus dem neuen Global Investment Returns Yearbook der Bank UBS. Das Gewicht der USA am globalen Aktienmarkt ist in den letzten Jahren markant gestiegen und liegt nun bei 62 Prozent. Weit abgeschlagen auf Rang zwei folgt Japan mit einem Anteil von 6 Prozent, während China und Grossbritannien gerade einmal 3 Prozent erreichen.
Zu Beginn der Datenreihe im Jahr 1900 dominierten noch die europäischen Länder: Während der US-Aktienmarkt auf einen Anteil von 15 Prozent kam, lag Grossbritannien mit 24 Prozent an der Spitze. Deutschland erreichte damals immerhin 13 Prozent. Heute sind es gerade noch 2 Prozent – etwa gleich viel wie die Schweiz.
Die Überlegenheit des amerikanischen Aktienmarktes zeigt sich ebenso an seinen sagenhaften Gewinnen: Seit dem Jahr 1900 hat die US-Börse eine jährliche Rendite von 6,6 Prozent erzielt. Dabei handelt es sich um den realen Ertrag, nach Abzug der Teuerung. Zum Vergleich: Die Aktien aus der übrigen Welt haben in der gleichen Periode eine reale Rendite von 4,5 Prozent geschafft. Eine solche Differenz mag gering erscheinen. Doch auf lange Frist führt sie wegen des Zinseszinseffektes zu riesigen Verschiebungen: Ein im Jahr 1900 investierter Dollar ist mit einer Rendite von 6,6 Prozent heute 3300 Dollar wert. Mit 4,5 Prozent Rendite dagegen steigt der Wert nur auf 260 Dollar.
Der Handelsstreit bremst US-Aktien
Seit einem Jahr allerdings hat sich die Überlegenheit der US-Aktien plötzlich ins Gegenteil verkehrt. Auslöser war der von Präsident Donald Trump losgetretene Handelskrieg. Den Kurssturz nach dem «Liberation Day» vom letzten April haben die Aktienmärkte zwar rasch ausgebügelt. Trotzdem ergibt sich ein grosser Graben zwischen den USA und dem Rest der Welt. Während die US-Börse seit Anfang 2025 um 15 Prozent gestiegen ist, konnte China um 33 Prozent zulegen und der europäische Aktienmarkt sogar um 43 Prozent. Diese Werte sind in Dollar gerechnet und reflektieren somit den starken Wertverlust der US-Währung.
Markiert das Jahr 2025 womöglich eine historische Zäsur, welche den langfristigen Niedergang des amerikanischen Aktienmarktes einläutet? Paul Marsh, Professor der London Business School und Co-Autor des UBS-Yearbook, hält dies für unwahrscheinlich. Realistisch sei vielmehr, dass die USA ihre Dominanz in den kommenden Jahrzehnten verteidigen könnten. Dafür sprächen unter anderem die bewährte kapitalistische Kultur sowie das Netzwerk an führenden Unternehmen.
Selbst wenn sich im Bereich der künstlichen Intelligenz eine spekulative Blase bilden sollte, sei dies für den Aktienmarkt verkraftbar und müsse nicht zu tieferen Renditen führen, erklärt Marsh.
Die Zeiten werden anspruchsvoller
Als Beleg verweist er auf die frühere Dominanz der Eisenbahnindustrie an der Börse. Im Jahr 1990 vereinte dieser Sektor 63 Prozent der US-Börsenkapitalisierung auf sich, derweil die Technologie-Aktien heute auf 42 Prozent kommen. Trotz dem relativen Bedeutungsverlust aber hätten Eisenbahnaktien überdurchschnittliche Renditen erwirtschaftet und sowohl den Luft- als auch den Strassenverkehr in den Schatten gestellt.
Obschon also die Dominanz der US-Börse nach Einschätzung von Marsh andauern sollte, rechnet er dennoch damit, dass auf die Anleger anspruchsvollere Zeiten zukommen. Für Aktien erwartet er in den nächsten Jahren noch eine reale jährliche Rendite von 4,2 bis maximal 5 Prozent. Zudem seien die verschiedenen Anlageklassen heute stärker korreliert als früher. Deshalb sei es künftig noch wichtiger, das Aktienportfolio global auszurichten. Denn je breiter die Diversifikation, desto besser liessen sich Rückschläge auffangen.





