Steigende Bond-Renditen in Frankreich und anderswo machen die Anleger nervös. Doch auch wenn François Bayrous Regierung stürzt, wird das Land sein Schuldenproblem nicht los.
Diese Woche sind die Franzosen nach langen Sommerferien an die Arbeit zurückgekehrt. Sie erleben einen Kaltstart, denn die diesjährige «Rentrée» wird von politischem Chaos und Massenprotesten geprägt sein. Ähnlich wie Ende 2024 steckt das Land wieder in einer Regierungskrise. Premierminister François Bayrou könnte am 8. September nach kaum einem Jahr im Amt vor dem Aus stehen.
Grund sind die Schuldenkrise des Landes und Bayrous Versuch, das enorme Staatsdefizit in den Griff zu bekommen. Die Chancen, dass er sein 44-Milliarden-Euro-Sparpaket mit Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen durchbringt, sind ohnehin gering. Ohne politisches Mandat ist es gänzlich chancenlos. Deshalb hat er dem Parlament die Vertrauensfrage gestellt. Dass er diese besteht, ist angesichts der fehlenden Mehrheiten in der Assemblée nationale unwahrscheinlich.
Diese aussichtslose Ausgangslage macht die Finanzmärkte nervös. Der Risikoaufschlag (Spread) zehnjähriger französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen schnellte diese Woche rund 80 Basispunkte in die Höhe. Damit notieren die Risikoaufschläge nur knapp unter dem Höchststand von November 2024.
Damals befand sich Bayrous Vorgänger Michel Barnier im Budget-Streit und wurde per Misstrauensvotum schliesslich abgewählt. Die Entwicklung von Anleihen-Spreads ist ein verlässliches Signal für die Nervosität und das Risikobewusstsein der Finanzmärkte. Die Situation ist noch nicht so dramatisch wie im vergangenen Jahr, doch das Grundproblem mit dem ausufernden Staatsdefizit bleibt ungelöst.
Nervöse Finanzmärkte
Doch nicht nur in Frankreich sind die Investoren wegen der wachsenden Staatsdefizite nervös. Die Renditen für japanische Staatsanleihen mit 30 Jahren Laufzeit erreichten diese Woche mit 3,28 Prozent einen Höchstwert. Die entsprechenden britischen Schuldpapiere (Gilts) haben derzeit so hohe Renditen wie nicht mehr seit 1998. Japan ist vor Griechenland und Italien das am stärksten verschuldete Land der OECD.
Wenn sich Investoren Sorgen um ihre Anlagen machen, fordern sie eine grössere Entschädigung – die Renditen steigen. Steigen die Zinsen, dann wird es für das Land teurer, sich zu verschulden. Auch in den USA kratzen diese Woche die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen wieder an der 5-Prozent-Marke – ein Zeichen der Nervosität. Auch hier belasten die Fiskalpolitik, aber auch Donald Trumps Angriffe auf die Unabhängigkeit der US-Zentralbank.
Dass sich die Lage besonders in Frankreich zuspitzt, zeigt die verlangte Prämie für lang laufende Staatsschulden. Diese sogenannte Laufzeitprämie ist der zusätzliche Ertrag, den Investoren verlangen, um langfristige Anleihen (über 30 Jahre) im Vergleich zu kurz laufenden (über 3 Monate) zu halten. Je mehr Risiken sie in der Zukunft sehen, desto stärker wollen sie für das eingegangene Risiko entschädigt werden. Im Fall von Frankreich ist die Laufzeitprämie in letzter Zeit stark angestiegen. Das legt nahe, dass Anleger wenig Vertrauen haben, dass Frankreich das Staatsdefizit in den Griff bekommen wird.
Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist in Frankreich aber eine gewisse Gelassenheit zu vernehmen. Politische Blockaden und jährliche Regierungswechsel gehören offenbar zur neuen Normalität. Auch dass die Grande Nation schon länger höhere Schuldzinsen entrichten muss als Griechenland, bringt niemanden mehr aus der Ruhe. In Frankreich scheint man sich an südeuropäische Verhältnisse zu gewöhnen.
Das gilt auch politisch: Verliert Bayrou kommende Woche das Vertrauen des Parlaments, würde die dritte französische Regierung innerhalb eines Jahres fallen. Präsident Emmanuel Macron müsste den fünften Premierminister in seiner zweiten Amtszeit suchen. Doch auch ein erneuter Regierungswechsel wird das Schuldenproblem nicht lösen.
Frankreich rutscht in die europäische Peripherie ab
Gemäss Daten des französischen Statistikamtes Insee betrug die Schuldenbelastung Ende März rund 114 Prozent des BIP, Tendenz steigend. Der IWF prognostiziert, dass Frankreich bis 2030 stärker verschuldet sein wird als Griechenland. Zudem lahmt die Wirtschaft. Die Inlandproduktion ist rückläufig, die Arbeitslosigkeit ist seit Anfang 2023 wieder auf dem Vormarsch. Das Land ist dabei, wirtschaftlich in die europäische Peripherie abzurutschen.
Angesichts der politischen Sackgasse sind auch die Aktienbörsen nervös. Der französische Leitindex CAC 40 verlor bei Bekanntwerden der Vertrauensabstimmung deutlich und wird wegen der politischen Risiken seit Anfang Jahr im Vergleich zu anderen europäischen Börsen zurückgehalten: Der CAC 40 verzeichnet in diesem Jahr eine bescheidene Avance von 4 Prozent. Die italienische Börse machte in der gleichen Zeit 23 Prozent vorwärts.
Besonders betroffen von der politischen Unsicherheit sind die Aktien französischer Grossbanken wie BNP Paribas oder Société Générale. Sie haben vergangene Woche zeitweise bis 10 Prozent verloren. Gemäss dem Bank-Analysten Johann Scholtz von Morningstar drohen grössere Spreads bei Staatsanleihen die Zinsmargen der Banken zu verringern, was sie zwingen kann, ihre Anleihenbestände abzuwerten.
Französische Banken sind sowohl direkt als auch indirekt über ihre Versicherungstöchter in grossem Umfang in Staatsanleihen investiert. Scholtz gibt zu bedenken, dass, wenn die Spreads hoch bleiben, es für die Banken langfristig teurer wird, sich zu finanzieren. Fällige Schulden müssen dann zu höheren Renditen refinanziert werden.
Früher Abgang verhindert Shutdown
Ein frühzeitiger Abgang Bayrous könnte möglicherweise helfen, die angespannte Lage an den Finanzmärkten zu entschärfen. Gemäss Arthur Jurus, Anlagechef beim französischen Vermögensverwalter Oddo, sei es besser, wenn die Regierung Bayrou bereits im September stürzt statt mitten in der Haushaltsdebatte im Dezember wie im vergangenen Jahr. So könnten zumindest das Szenario eines «Shutdown à la française» und der Rückgriff auf Nothaushalte verhindert werden.
Noch ein Regierungswechsel würde jedoch das Bild eines Landes zeichnen, das sich in ständiger politischer Krise befindet und nicht in der Lage ist, eine stabile Regierung zu stellen. Jurus erachtet es deshalb als sehr wahrscheinlich, dass die Bonität des Landes herabgestuft wird.
Das würde den Spread französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen weiter vergrössern und die Finanzierungsbedingungen für den Staat weiter verschlechtern. Als Nächstes wird Fitch am 12. September ihr Kreditrating veröffentlichen. Die beiden anderen grossen Kreditagenturen haben ihren Ausblick schon auf negativ gestellt.
Marktexperten wie George Saravelos von der Deutschen Bank sehen Frankreich in einer neuen Normalität. Deshalb erachtet er viele der Risiken als bereits eingepreist. Er sagt fatalistisch: «Im Falle eines Zusammenbruchs der Regierung wäre die Alternative nicht schlechter als der Status quo.» Das Land werde dann entweder einen neuen Premierminister bekommen oder – im Falle von Neuwahlen – ein weiteres zersplittertes Parlament. In beiden Fällen wird Frankreich das Schuldenproblem weiter mit sich tragen.





