Sam Altman möchte, dass KI «der gesamten Menschheit zugutekommt». Bei einem Börsengang würde das anders aussehen: Grossinvestoren dürften Millionen einnehmen, während Kleinanleger meist leer ausgingen.
Sam Altman war 2015 einer der Mitgründer von Open AI.
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Sam Altman ist ein Mann der grossen Worte. Im Jahr 2013 sagte er: «Erfolgreiche Menschen gründen Firmen. Erfolgreichere Menschen gründen Länder. Die erfolgreichsten Menschen gründen Religionen.» Und der einfachste Weg zu einer Religion? Das sei die Gründung eines Unternehmens.
Gesagt, getan: Altman gründete zwei Jahre später Open AI und ist bis heute CEO. Er wolle, dass künstliche Intelligenz (KI) «der gesamten Menschheit zugutekommt». Nun könnte der Börsengang von Open AI bevorstehen, mit einer historischen Erstbewertung von 1 Billion Dollar.
Ob auch der Börsengang der gesamten Menschheit zugutekommt?
Wohl kaum, Kleinanleger können im Normalfall erst nach dem Initial Public Offering (IPO) einsteigen. Investmentbanken und Grossinvestoren hingegen dürften hohe Renditen erzielen. Andreas Hackethal, Finanzprofessor am Frankfurter Leibniz Institut SAFE, sagt: «Bei einem IPO müssen sich Kleinanlegerinnen und Kleinanleger meist hinten anstellen.»

Sarah Friar, CFO von Open AI, dementierte jüngst einen möglichen Börsengang.
Mike Segar / Reuters
Das liegt in der Natur der Sache: Beim Börsengang geht es vor allem um die Beschaffung von zusätzlichem Eigenkapital, wovon Kleinanleger weniger haben.
Schon vor dem IPO schliessen Investmentbanker, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer oder Investoren millionenschwere Geschäfte ab. Denn selbst ein Unternehmen wie Open AI kann einen Börsengang nicht allein bewerkstelligen. Grob unterscheidet man drei Phasen des IPO: die Vorbereitungsphase, die Vermarktungs- und Durchführungsphase sowie die Nachbereitungsphase.
Phase 1: Vorbereitung
Open AI dürfte sich derzeit in der Vorbereitungsphase befinden, auch wenn die CFO Sarah Friar dies vor wenigen Tagen dementierte. Die Vorbereitungsphase ist nicht öffentlich, da das Unternehmen hier klärt, ob ein IPO überhaupt sinnvoll ist. Geschäftsbezogene, rechtliche oder finanzielle Probleme etwa könnten den Börsengang verhindern.
Der in allen Phasen entscheidende Akteur ist die federführende Bank, etwa Morgan Stanley, Goldman Sachs oder JP Morgan. Sie koordinieren das IPO, beraten das Unternehmen, prüfen und bewerten es, vermarkten die Aktien an Investoren, ermitteln den Ausgabepreis oder übernehmen die Zuteilung.
Gegen Ende der Vorbereitungsphase erstellt die federführende Bank mit dem Unternehmen und weiteren Beratern den Kotierungsprospekt – das zentrale Dokument des IPO. Er dient der Transparenz und soll Investoren etwa über Finanzlage, Geschäftsmodell oder Risikofaktoren aufklären.
Phase 2: Vermarktung und Durchführung
Die Vermarktungs- und Durchführungsphase beginnt mit der Ankündigung des IPO. Dadurch nimmt die Aufmerksamkeit zu, und die wohl wichtigste Aufgabe beginnt: das Anwerben von Investoren.
Für Open AI dürfte das kein Problem sein. Professor Hackethal sagt: «Das Unternehmen wird mit Geld zugeschüttet.» Arthur Jurus, Anlagechef bei der Bank Oddo BHF, sieht das ähnlich: «Fast alle Investoren wollen an dem IPO teilhaben. Es könnte der grösste Börsengang der Geschichte werden.»
Dies ist einer der Gründe, warum Kleinanleger am IPO von Open AI wohl kaum mitverdienen werden. Denn bei der Zeichnung – hier geben Investoren an, wie viele Aktien sie zu welchem Preis kaufen möchten – wird die Nachfrage deutlich höher sein als das Angebot. Die Aktie ist also überzeichnet.
In diesem Fall erhalten Kleinanleger, sofern sie überhaupt mitzeichnen durften, fast nie eine Zuteilung. Der Anlagestratege Jurus sagt: «Theoretisch ist es möglich, dass Kleinanleger Aktien zugeteilt bekommen. Praktisch aber liegt die Chance im einstelligen Prozentbereich.»
Eine Hoffnung gibt es jedoch: Ein Unternehmen kann bewusst entscheiden, Aktien an Kleinanleger zu vergeben. Dazu gehörte 2021 etwa der Neobroker Robinhood, der rund ein Drittel seiner Wertpapiere an Privatanleger vergab. Während Robinhood die «Finanzwelt demokratisieren» wollte, bekennt sich Sam Altman zum «Weg der demokratischen KI».
Könnte also auch Open AI eine Zuteilungsquote für Kleinanleger beschliessen?
Laut Hackethal wäre dies eine «kluger strategischer Zug, um den Börsengang als demokratisch zu framen». Gleichzeitig hält er dies für unwahrscheinlich. Experte Jurus sagt: «Bei einem IPO geht es nicht um eine Revolution an der Börse, sondern darum, möglichst viel Geld zu machen.»
Kleinanleger müssen daher wohl warten, bis Sam Altman die Glocke läutet und die Aktie erstmals offiziell an der Börse gehandelt wird.
Phase 3: Nachbereitung
Doch auch nach Börsenstart, in der Phase der Nachbereitung, sollten Kleininvestoren vorsichtig sein, anstatt sich vom KI-Hype mitreissen zu lassen.
Denn nach einem IPO steigen die Kurse oftmals stark, zugleich ist die Volatilität hoch. Der Anlagestratege Jurus rät: «Wer Zweifel hat, sollte erst mal einige Wochen abwarten.» Auf den ersten Blick dürfte dies ernüchternd wirken.
Professor Hackethal sieht das anders: «Die Aktien von Open AI werden einen unglaublich hohen Preis haben.» Sollte sich dieser als Überbewertung erweisen, würden gerade denjenigen Anlegern hohe Verluste drohen, die sich im Vorteil wähnten, erklärt Hackethal. Es ist der Fluch des Gewinners.
Oder der Sieg der Kleinanleger.

Open AI könnte an der Nasdaq an die Börse gehen, der Heimat vieler Techfirmen.
Brendan Mcdermid / Reuters
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»





