Die «Kassandra der Märkte» sieht die Star-Unternehmen der KI-Revolution Nvidia und Palantir vor dem Absturz.
Michael Burry hat seit Jahren nicht mehr öffentlich gesprochen. Das Bild stammt aus dem Jahr 2010.
Tony Avelar / Bloomerg / Getty
Die Marktturbulenzen der vergangenen Wochen waren ein Störfeuer. Der Optimismus ist zurück, der wichtige US-Aktienindex S&P 500 ist nahe am Höchststand. Die Anleger haben wieder in den Risk-on-Modus geschaltet und glauben offenbar wieder mehr an die Verheissungen der künstlichen Intelligenz (KI).
Die Analysten wichtiger Banken sehen auch für das Jahr 2026 zweistellige Kursavancen bei amerikanischen Aktien, nachdem diese im laufenden Jahr dank der KI-Phantasie bereits fast 17 Prozent gewonnen haben. Auch in Europa soll es kommendes Jahr weiter bergauf gehen.
Für Optimismus ist Michael Burry nicht anfällig. Der Star-Investor gab diese Woche erstmals nach zehn Jahren wieder ein Interview. Er warnte, dass sich die Aktienmärkte in «einer schlechten Situation» befänden und schlechte Jahre bevorstünden.
«Es könnte zu einem längeren Bärenmarkt kommen, ähnlich wie nach dem Jahr 2000», sagte er in einem Podcast-Gespräch, das er mit Michael Lewis führte. Lewis ist der Autor des Bestsellers «The Big Short». Er liess das Buch 2015 verfilmen und machte Burry zu einer der bekanntesten Figuren der Finanzkrise 2008.
Der amerikanische Hedge-Fund-Manager hatte sich Jahre vor der Finanzkrise gegen die Mainstream-Meinung gestellt und mit Kreditausfallversicherungen gegen den Immobilienmarkt gewettet. Nach dem Kollaps verdiente er damit Hunderte Millionen Dollar.
Seit dieser waghalsigen Wette geniesst Burry den Ruf einer «Kassandra der Märkte», also eines Warners, an dessen Prognosen wie bei der Figur aus der griechischen Mythologie lange niemand glaubt, bis sie sich bewahrheiten und zu einer Katastrophe führen.
Passives Investieren hat den Markt verändert
Als Vermögensverwalter hat sich Burry im November zurückgezogen und seinen Fonds Scion Asset Management geschlossen. Als Grund für seinen Rückzug erklärt er gegenüber Michael Lewis, dass sich der heutige Markt im Vergleich zur Jahrtausendwende grundlegend verändert habe. Damals hätten hauptsächlich Menschen investiert, und er habe seinen Wissensvorsprung trotz seinem Autismus ausspielen können.
Doch heute sei das Geld passiv verwaltet, eine Mehrheit sei in Indexfonds investiert. Nur ein kleiner Teil werde aktiv von Menschen verwaltet, die über Aktien nachdenken würden. Ein Markteinbruch würde deshalb anders ablaufen als während der Dotcom-Blase, als Teile des Markts verschont worden seien: «Wenn heute der Nasdaq abstürzt, dann wird der gesamte Markt herunterkommen», sagt er. Es werde sehr schwierig sein, sich zu schützen. Deshalb habe er seinen Fonds geschlossen.
Tatsächlich haben gemäss einer Auswertung von Morningstar die passiv verwalteten Vermögen in den USA 2024 erstmals die aktiv verwalteten übertroffen. Seit 2023 fliesst auch deutlich mehr Geld in passive Anlageformen. Für Märkte ausserhalb der USA gilt das aber nicht: Weniger als 30 Prozent sind passiv investiert, je nach Marktsituation fliesst nach wie vor viel Geld in aktive Fonds.
Palantir ist keine KI-Firma
Burry verwaltet kein Geld mehr für Kunden, er ist aber immer noch überzeugt, dass KI-Vorzeige-Aktien wie Palantir oder Nvidia stark überbewertet sind. Die Short-Positionen in beiden Aktien, die er als Vermögensverwalter eröffnet hatte, ist er als Privatmann erneut eingegangen. Short-Seller oder Leerverkäufer wie Burry verdienen Geld, wenn die Aktienkurse fallen. Beim Software-Anbieter Palantir und beim Chip-Hersteller Nvidia rechnet er in den kommenden zwei Jahren mit starken Kursrückgängen.
Er glaubt, dass bei der hohen Bewertung von Palantir etwas nicht stimme: «Palantir hat fünf Milliardäre hervorgebracht, weil sie Aktien der Firma halten», sagt er. Das bei einem Jahresumsatz von weniger als 4 Milliarden Dollar. «So etwas habe ich noch nie gesehen», sagt er. Die aktienbasierte Vergütung beanspruche den ganzen Gewinn. Die gezahlten Löhne seien so hoch, dass das nur mit Aktien möglich sei. Die Rechnungslegung bilde das zu wenig ab.
Zu den fünf Palantir-Milliardären gehören der Gründer Alex Karp, Peter Thiel und Stephen Cohen als Milliardäre, auch der Technologie-Chef Shyam Sankar könnte einer sein, ein fünfter ist nicht belegt. Eine solche Vermögensvermehrung ist Palantir aber nicht eigen. Die Vergütung von Mitarbeitenden mit Aktienzuteilungen ist im Silicon Valley gängige Praxis, bei grossen wie kleineren Firmen und vor allem auch bei Start-ups. Diese Zuteilungen verwässern die bestehenden Aktionäre oft stark.

Die Beteiligung an Palantir hat den CEO Alex Karp zum Milliardär gemacht.
Charles Platiau / Reuters
Überhaupt sind für Burry weder Palantir noch Nvidia ursprünglich KI-Firmen. Für Kunden wie Regierungen, Polizeikorps oder Nachrichtendienste sei es sehr teuer, die Sicherheitsanwendungen von Palantir zu installieren, das müssten firmeneigene Berater übernehmen.
Das sei das eigentliche Geschäft. Erst vor zwei Jahren – nach der Lancierung von Chat-GPT – habe Palantir seine Produkte mit dem KI-Label versehen. Nun verkauften sie ihre Beratungsdienste unter dem Begriff. Das mache heute jedes Unternehmen so, sagt Burry. Dabei profitiere Palantir davon, dass sich derzeit die Chefs jeder Firma durch KI bedroht fühlten.
KI-Boom ist bereits vorbei
Die Short-Wetten Burrys haben einen Zeithorizont von zwei Jahren. Das muss aber nicht heissen, dass mit einem Börsenabsturz auch die Investitionen in die KI-Infrastruktur abbrechen müssen. Gemäss Burry habe das Umsatzwachstum nach dem Platzen der Dotcom-Blase von damaligen Star-Unternehmen wie Cisco immer noch beachtliche 56 Prozent betragen, im Jahr danach 18 Prozent, weil die Investitionen in die Technologie weitergingen – der Börsenboom war da schon lange vorbei.
Die KI-Unternehmen befinden sich heute in einer Art Teufelskreis. Denn jede Ankündigung von neuen Investitionen in KI führe zu einer um ein Vielfaches höheren Bewertung, sagt Burry. Er verweist auf den Kurssprung der Aktien des IT-Anbieters Oracle, als dieser im September 2024 zusammen mit Open AI und Softbank Investitionen von 100 Milliarden Dollar in KI ankündigte. Die Aktien seien gestiegen, obwohl der Ausbau gar nicht realisiert worden sei.
Als «Contrarian» ist es ein Markenzeichen von Burry, dass er sich gegen den Mainstream stellt. Er hat schon etliche Male einen bevorstehenden Crash angekündigt. Er stellt sich nicht nur bezüglich KI gegen den Mainstream, sondern auch bei der Geldpolitik.
In seinen Augen hat die US-Zentralbank Fed den einfachsten Job der Welt. Er sieht nicht ein, warum es dafür eine separate Institution braucht. Mit seinen unorthodoxen Ansichten landete Burry während der Finanzkrise einen Volltreffer. In den kommenden zwei Jahren wird sich weisen, ob er auch bei KI als Kassandra taugt.





