Schwächere Wirtschaftsdaten, Sorgen über eine mögliche KI-Blase und der US-Angriff auf Venezuela bremsen die Aktienbörsen bis jetzt kaum. Doch die Gefahren steigen.
Amerikanische Technologieaktien sind derzeit stolz bewertet.
Sarah Yenesel / EPA
An den Börsen geht die Rekordjagd weiter. Der deutsche Aktienindex DAX hat zum Jahresbeginn zum ersten Mal die Marke von 25 000 Punkten übersprungen, und auch das Schweizer Börsenbarometer Swiss-Market-Index (SMI) hat einen Höchststand erreicht. Auch die US-Leitindizes Dow Jones und S&P 500 sind im neuen Jahr erneut auf Rekordstände gestiegen.
Gleichzeitig trübt sich die Konjunktur ein, und viele Marktteilnehmer sorgen sich über eine Blase bei amerikanischen Technologieaktien. Dies wirkt auf den ersten Blick paradox.
Mehrere Gründe für die Rekordjagd
«An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil», sagte der berühmte Börsenexperte André Kostolany einst, und so nennen Anlageexperten verschiedene Gründe für die Entwicklung.
Grosse Erwartungen an KI: Die Hoffnungen der Anleger auf die Zukunft der künstlichen Intelligenz (KI) und auf einen entsprechenden Produktivitätsschub sind nach wie vor sehr hoch. Laut Christof Reichmuth, Präsident des Verwaltungsrats der Bank Reichmuth, treiben massive Investitionen vor allem in den USA den Markt auf Hochtouren. KI habe sich zunehmend als zentrale Wachstumskraft etabliert. Letztlich stelle sich die Frage, ob es sich um einen strukturellen Wandel mit langfristigem Ertragspotenzial oder um eine Übertreibung handle.
Hoffnung auf europäische Investitionsprogramme: In Europa, vor allem in Deutschland, ruhten derzeit grosse Erwartungen auf den milliardenschweren Investitionspaketen für Rüstung und Infrastruktur, sagte Matthias Geissbühler, Anlagechef von Raiffeisen Schweiz, am Donnerstag bei einem Anlass seiner Bankengruppe. Optimisten gehen sogar davon aus, dass die Stimuli zu einer regelrechten «Renaissance der Industrie» führen könnten.
Hier zeigte sich Geissbühler indessen etwas skeptisch. Aus seiner Sicht dürfte es länger dauern, bis die Investitionen greifen. Er verweist auf Investitionsprojekte in Deutschland wie den Flughafen in Berlin oder den Hauptbahnhof in Stuttgart, bei denen es massive Verzögerungen und Mehrkosten gegeben hat.
Letztlich stelle sich die Frage, ob die Stimulus-Pakete positive Auswirkungen auf die Konjunktur haben würden. «Wenn die Konjunktur in Deutschland 2026 nicht anspringt, könnte der DAX deutlich korrigieren», sagte der Raiffeisen-Vertreter. Allerdings ist dabei zu berücksichtigen, dass sowohl der DAX als auch der SMI die Aktien von global tätigen Konzernen enthalten und folglich nicht nur die konjunkturelle Entwicklung im jeweiligen Land abbilden.
Expansive Fiskalpolitik auch in den USA: Auch in den Vereinigten Staaten soll die weiterhin expansive Fiskalpolitik die Konjunktur stützen. Geissbühler verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass US-Präsident Donald Trump in Aussicht gestellt hat, Checks an die Bevölkerung zu verteilen, damit seine Partei – die Republikaner – nicht wegen der schwächelnden Wirtschaft bei den Zwischenwahlen im November die Mehrheit im Repräsentantenhaus verliert.
Weitere Zinssenkungen in den USA erwartet: Marktteilnehmer rechnen zudem mit weiteren Zinssenkungen der US-Notenbank Federal Reserve, was der Konjunktur Rückenwind geben und die Aktienkurse beflügeln könnte. Allerdings verharrt auch die Inflation in den USA auf erhöhtem Niveau, was das Potenzial für Zinssenkungen schmälert.
Geopolitische Spannungen nicht im Fokus: Auf die angespannte geopolitische Situation haben die Aktienmärkte nicht negativ reagiert. So gab es nach dem Angriff der USA auf Venezuela und der Verhaftung des Präsidenten Nicolás Maduro keinen Kurseinbruch an den Aktienmärkten. Vielmehr weckten die Nachrichten bei den Investoren Hoffnungen auf sinkende Ölpreise.
Langfristig steigen die Aktienbörsen: Zudem ist zu berücksichtigen, dass Aktienmärkte langfristig gesehen steigen. Rekordhochs kommen also viel häufiger vor als gemeinhin angenommen. Ein Allzeithoch alleine ist kein Warnzeichen, sondern kann sogar ein Indikator für weitere Allzeithochs sein. Das Fonds-Research-Unternehmen Morningstar hat hier als Beispiel die Periode ab März 2013 genannt. Damals kletterte der S&P 500 zum ersten Mal nach der Finanzkrise 2008 wieder auf ein Rekordhoch, woraufhin im Jahr darauf weitere 52 Rekordhochs folgten.
Allerdings steigen die Gefahren zunehmend
Die jüngste Entwicklung bringt aber auch Risiken für Anleger. Laut Reichmuth könnte es zu einer deutlichen Korrektur an den Aktienmärkten kommen, wenn die tatsächlichen Gewinne der Unternehmen hinter den hohen Erwartungen zurückbleiben oder wenn die langfristigen Zinsen weiter steigen. Er erinnert an die Zeit nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. In den darauffolgenden zwei Jahren habe das US-Leitbarometer S&P 500 mehr als 35 Prozent und der Technologieindex Nasdaq mehr als 75 Prozent an Wert verloren.
Geissbühler sieht 2026 als «Jahr der Bewährung». Die USA setzten den Freihandel mit ihrer protektionistischen Zoll- und Handelspolitik unter Druck. Dies belaste weltweit die Wirtschaft und sorge für höhere Inflationsraten. Zudem ist der globale Aktienmarkt hoch bewertet.
Derzeit sei auch nicht klar, ob die KI-Investitionen zum Erfolg führten, sagte Geissbühler. Aufgrund der hohen Investitionen in Rechenzentren, Beteiligungen der KI-Unternehmen untereinander und hoher Bewertungen sei derzeit Vorsicht geboten.
Allzeithochs sind am Aktienmarkt nichts Ungewöhnliches
Einiges spricht dafür, dass die derzeitigen Allzeithochs für langfristig orientierte Anleger, die Aktien mindestens zehn bis zwölf Jahre halten, kein Problem sein dürften.
So hat eine Studie der Bank Pictet ergeben, dass Anleger, die Schweizer Aktien zehn Jahre lang hielten, im Zeitraum 1926 bis 2024 in 96 von 99 Kalenderjahren eine positive Rendite erzielten. Bei einer Haltedauer von vierzehn Jahren gab es kein einziges Mal eine negative Rendite.
Allerdings kann es in Spezialfällen am Aktienmarkt auch längere Durststrecken geben, wie beispielsweise nach dem Platzen der Immobilienblase in Japan Anfang der neunziger Jahre. Nach dem Ausbruch der Deflation dauerte es bis 2024, bis der japanische Aktienindex Nikkei 225 sein Rekordhoch von Ende 1989 wieder erreichte.
Raiffeisen empfiehlt im derzeitigen Umfeld Schweizer Aktien: Der Schweizer Aktienmarkt sei weniger hoch bewertet als globale Aktien und verhältnismässig attraktiv, sagt Geissbühler. Im Swiss-Performance-Index (SPI) liege die durchschnittliche Dividendenrendite bei 3 Prozent.





