Der Dauerpessimist diagnostiziert in seinem neuen Jahresbericht eine «Alles-Blase». Cash und Edelmetalle sind aus Dave Collums Sicht die vernünftigste Anlagestrategie in einer verrückt gewordenen Finanzwelt.
KI bringt viele Vorteile, aber rechtfertigt sie auch die hohen Bewertungen an den Börsen?
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Im Moment brechen so ziemlich alle Sicherheiten weg, auf die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten verlassen konnten: Es kommt zu erheblichen politischen, technologischen und wirtschaftlichen Umbrüchen. Trotzdem erklimmen die Finanzmärkte immer neue Höhen. Bemerkenswert ist vor allem, dass viele Anlageexperten in diesem grossen Widerspruch nichts Ungewöhnliches erkennen wollen.
Da wird es höchste Zeit, einen Advocatus Diaboli herbeizuziehen. Wenn einer die Wahrheit hinter der Mainstream-Erzählung durchschauen kann, dann ist es Dave Collum. Der Professor an der angesehenen Cornell University ist ein Dauerpessimist und konnte dank dieser Charaktereigenschaft mindestens fünf der letzten drei Krisen vorhersehen – wie Kritiker spotten. Er hat zudem ein grosses Faible für Verschwörungstheorien, weshalb er in Podcasts wie jenem von Tucker Carlson eingeladen wird, dem umstrittenen ehemaligen «Fox News»-Moderator.

Dave Collum von der Cornell University.
PD
Collum lehrt nicht etwa Finanzwirtschaft, sondern organische Chemie. Er schreibt Jahr für Jahr einen Jahresrückblick, der weit mehr beleuchtet als nur die Börse. Das mehrere hundert Seiten umfassende Dokument trieft vor Skepsis gegenüber der Finanzwelt, den Institutionen, ja sogar dem Wahrheitsgehalt von dem, was uns die Obrigkeiten als Fakten präsentieren.
Denn laut Collum leben wir in einem «Goldenen Zeitalter der Propaganda». Sein Jahresrückblick ist gespickt mit Grafiken, Zitaten, Bildern, Tweets, Anspielungen und Obszönitäten.
Verschroben, aber nicht verrückt
Doch Collum verfügt durchaus über Selbstironie – was man als Anzeichen deuten darf, dass er nicht verrückt, sondern lediglich etwas verschroben ist. Und er geht bei der Datenanalyse mit einer wissenschaftlichen Strenge vor, die ihn zum Beispiel veranlasst, nicht bloss ein paar Jahre, sondern viele Jahrzehnte in die Finanzgeschichte zurückzublicken. Und nicht nur drei, sondern – gemäss eigenen Angaben – 25 Börsen-Bewertungsmassstäbe heranzuziehen.
Diese Eigenschaften machen Collum natürlich nicht automatisch zu einem guten Anlageberater, aber zum idealen Tail-Risk-Analysten. Das heisst, er versteht besser als andere, was alles schiefgehen könnte. So hat er zum Beispiel besonders früh auf die Gefahren des «shadow banking» hingewiesen: dass nach der Regulierung der klassischen Banken in Folge der Finanzkrise die Risiken nicht etwa verschwanden, sondern lediglich in den unregulierten Bereich verschoben worden sind.
Natürlich schildert Collum auch in seinem jüngsten Bericht, dem «2025 Year in Review», ein Doom-und-Gloom-Szenario. Seiner Meinung nach befinden wir uns in der dritten und grössten Vermögensblase innerhalb von 25 Jahren. Diese Überbewertung hat Collum auch schon als metastasierenden Krebs bezeichnet. Denn nicht nur KI-Aktien seien hoffnungslos überbewertet, sondern mittlerweile auch fast alle anderen Vermögenswerte.
Eine «Alles-Blase»
Wir befänden uns in einer «Alles-Blase». Weil die Bewertungen von Aktien und anderen Anlagen langfristig immer zu ihrem historischen Mittelwert zurückkehrten, drohten Anlegern massive Verluste: Collum erwartet bei amerikanischen Aktien einen Korrekturbedarf von 50 bis 70 Prozent. Damit diese wieder ein historisch gesehen günstiges Niveau erreichten wie Anfang der 1980er Jahre, sei sogar ein Kursrückgang um 85 Prozent nötig. Eine solche Korrektur könne in einem Crash erfolgen, aber auch in einem schleichenden Niedergang während Jahrzehnten.
Collum, der selbst häufig den Chatbot Grok befragt, redet die Vorzüge von KI nicht klein. Aber er gibt zu bedenken, dass es keine Erfindung gebe, die wichtiger für die Moderne gewesen sei als die Elektrizität. Daraus könnten Anleger Lehren ziehen: «Stromaktien erlebten einen Boom, erreichten jedoch bereits 1911 ihren Höhepunkt, als das elektrifizierte 20. Jahrhundert noch in den Kinderschuhen steckte.» Das sollte all jenen Investoren zu denken geben, die sich heute auf Aktien von KI-Aktien stürzen.
Interessant ist auch, dass Collum die offiziellen Inflationsraten anzweifelt. Die Teuerung an Konsumentenpreisen zu messen, beschönige die Lage massiv. Der streitbare Professor schlägt stattdessen das Wachstum der Geldmenge M2 als Inflationsmassstab vor. Diese Kennzahl umfasst alle sofort verfügbaren Zahlungsmittel wie Bargeld und Giroguthaben sowie kurzfristig liquidierbare Ersparnisse wie Sparbücher und Termineinlagen.
Sie wächst in den USA seit Jahren deutlich schneller als die Realwirtschaft und erklärt die hohe Vermögenspreisinflation: warum Immobilien, Aktien oder Kunst so teuer geworden sind.
Märkte auf Drogen
Collum äussert wie in den Vorjahren massive Kritik an der US-Notenbank Fed, deren expansive Geldpolitik langfristig katastrophale Folgen für die Kaufkraft der Amerikaner und die Preisstabilität habe. Es sei an der Zeit, die Märkte von der Droge künstlich tiefer Zinsen zu entwöhnen.
Brandgefährlich findet der Cornell-Professor die massiv gewachsenen privaten Kreditmärkte. Sie stellten ein enormes systemisches Risiko dar. Private Equity bezeichnet Collum sogar als eine Form von legalisierter Plünderung. Diese Akteure, die Unternehmen aushöhlten, um sie mit Profit weiterverkaufen zu können, zerstörten das soziale Gefüge.
Es erstaunt nicht, dass Collum einen sehr hohen Anteil seines liquiden Vermögens in physischen Edelmetallen und Cash sowie kurzfristigen Staatsanleihen hält. Und wenn er in Aktien investiert, dann vor allem in jene von Firmen, die aus seiner Sicht reale Werte schaffen, etwa im Bereich Energie oder Rohstoffe.
Collum dürfte mit seinen extremsten Prognosen (einmal mehr) danebenliegen. Sicher ist, dass er die richtigen Fragen aufwirft. Und ja, seine Anlagen in Gold, Silber oder Platin haben sich bewährt.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»





