KI bedeute mehr Wachstum und steigende Arbeitslosigkeit, sagt der Marktexperte Jim Reid. Für ihn wäre die jüngste Zinssenkung in den USA nicht notwendig gewesen.
Die Börsen werden auch 2026 weiter steigen, glaubt die Deutsche Bank.
Shannon Stapleton / Reuters
Unter Investoren ist er Pflichtlektüre. Jeden Morgen erscheint der «Early Morning Reid» in den Posteingängen zahlloser Börsenprofis. Der Newsletter gilt weithin als einer der populärsten Research-Berichte an der Wall Street. Er verbindet analytische Tiefe mit Humor und einer persönlichen Note. Das kommt gut an.
Dessen Autor ist Jim Reid. Der 51-jährige Ökonom leitet die makroökonomische Forschung bei der Deutschen Bank und ist ein profunder Kenner der Kreditmärkte. Reids Aussagen beeinflussen die täglichen Anlageentscheidungen von Investoren weltweit.

Der Marktexperte Jim Reid.
PD
Zum Zeitpunkt des Gesprächs steht die am Mittwoch beschlossene Zinssenkung der US-Zentralbank Fed noch aus. Dennoch ist sich Reid sicher, dass es für den Fed-Chef Jerome Powell in der derzeitigen politischen Konstellation der einzig gangbare Weg ist. Die Zinssenkung sei als eine Absicherung gegen eine Abschwächung des Arbeitsmarktes zu sehen.
Aus geldpolitischer Sicht sei sie jedoch nicht nötig gewesen, denn die Zinsen hätten bereits vorher auf einem «angemessenen Niveau» gelegen, glaubt er. Dennoch hat das Fed die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte auf 3,5 bis 3,75 Prozent gesenkt.
Hassett ist im Clinch
Viel Luft für eine weitere Lockerung sieht Reid allerdings nicht: «Schwächt sich der US-Arbeitsmarkt nicht weiter ab, gibt es keinen Grund für weitere Zinssenkungen.» Dennoch geht er für 2026 von einem weiteren Zinsschritt aus. Der neue Fed-Chef, der im Mai von der US-Regierung ernannt wird, muss eine eher lockere geldpolitische Haltung einnehmen – oder diese zumindest signalisieren.
Seit Wochen wird Donald Trumps Wirtschaftsberater und unter vielen Ökonomen umstrittene Kevin Hassett als Favorit gehandelt. Trump sagt offen, dass er vom nächsten Fed-Chef Zinssenkungen erwarte, um die Wirtschaft und Börsen warmzuhalten. Die US-Indizes bewegen sich derzeit nahe ihrer Bestmarken.
Eine brummende Wirtschaft, eine gezügelte Inflation und steigende Börsenkurse sind für Trump wesentlich, um seine Wählerschaft bei der Stange zu halten. Die Inflation verharrt derzeit jedoch bei rund 3 Prozent, ein ganzer Prozentpunkt über dem Zielwert des Fed.
Für Hassett und andere Kandidaten ist es ein Balanceakt: Wenn sie sich öffentlich zu aggressiv für Zinssenkungen aussprechen, riskieren sie, ihre Glaubwürdigkeit an den Märkten zu verlieren. Wenn sie sich jedoch nicht klar genug für niedrigere Zinsen positionieren, könnte Trump sie als Fed-Vorsitzende übergehen, sagt Reid.
Der künftige Notenbankchef, der Trump zuliebe eine lockere Geldpolitik fahren muss, hat ein weiteres Problem: Er wird nicht den gesamten zwölfköpfigen Fed-Ausschuss kontrollieren. Es besteht gar die Möglichkeit, dass der als geldpolitisch eher restriktiv geltende Jerome Powell als Gouverneur im Board verbleibt.
Zudem könnte der Wind an der Zinsfront bald drehen. Reid weist darauf hin, dass einige Zentralbanken, die ihre Zinsen vor kurzem gesenkt haben – zum Beispiel in Australien und Kanada –, wahrscheinlich schon nächstes Jahr wieder damit beginnen werden, die Zinsen zu erhöhen. Auch Japan befinde sich in einem Straffungszyklus. «Die Markterwartungen ändern sich schnell. Ausserhalb der USA dürfte der Zinssenkungszyklus bereits zu Ende gehen», sagt Reid.
KI heisst mehr Wachstum und steigende Arbeitslosigkeit
Rückläufige Leitzinsen schaffen ein gutes Umfeld für Aktien. Doch auch wenn das Zinsniveau nicht weiter sinken sollte, sind sich viele Analysten einig, dass das Börsen-Rally auch 2026 weitergehen wird. Die Prognose der Analysten der Deutschen Bank ist dabei besonders optimistisch: Die Rendite des S&P 500 soll im kommenden Jahr 16 bis 17 Prozent betragen, und Ende 2026 soll der US-Leitindex bei 8000 Punkten stehen. Gegenwärtig steht er bei rund 6900.
Reid teilt diese positive Einschätzung, weil die Unternehmensgewinne stark bleiben dürften. In den vergangenen drei Jahren wurden die Gewinne massgeblich von Tech-Giganten wie Alphabet, Nvidia oder Microsoft aufgebläht. Doch künftig soll sich das Gewinnwachstum auch auf andere Sektoren ausweiten. Der Hype um künstliche Intelligenz wird nicht mehr das einzige Thema sein, auf das Anleger reagieren.
Die künstliche Intelligenz dürfte aber dominant bleiben. «KI ist die erste Kraft seit Jahrzehnten, die die Produktivität tatsächlich steigern könnte», sagt Reid. Zuvor dominierten strukturelle Probleme wie die hohe Verschuldung, zu viel Regulierung oder ungünstige Demografie – allesamt Faktoren, die schlecht sind für die Produktivität. Nun steht eine neue Technologie zur Verfügung, die das Potenzial hat, diese deutlich zu steigern.
Das dürfte nicht ohne Pannen vor sich gehen. Der jüngste Kurssturz bei den Aktien des KI-Zulieferers Oracle zeigt, dass die Anleger hinsichtlich des finanziellen Versprechens von KI nervös sind. Das grösste Risiko sei, dass die enormen KI-Investitionen nicht so gewinnbringend seien wie erwartet, sagt Reid. Und gesamtwirtschaftlich besteht die Gefahr, dass die Arbeitslosigkeit – mitunter wegen KI – steigt, selbst wenn die Wirtschaft weiterwächst. «Das wäre geldpolitisch eine sehr schwierige Situation», sagt er.
Verzögerte Rezession
Vor den konjunkturellen Konsequenzen einer platzenden KI-Blase sorgt sich Reid vorerst nicht. «Ein Einbruch bei Tech-Aktien würde nicht sofort eine Rezession auslösen», glaubt er. Investoren würden einfach in unterbewertete Sektoren wechseln – wie im Jahr 2000, als Aktien von Versorgungsunternehmen, aus dem Gesundheitswesen und von Basiskonsumgütern zulegten, während die Dotcom-Aktien abstürzten.
«Diese Rotation könnte den breiten Markt zunächst stabilisieren», glaubt Reid. Doch einen Schutzraum im Falle einer starken Marktkorrektur gibt es nicht. Angesichts der enormen Grösse der amerikanischen Tech-Werte würde ein Abschwung letztlich auch die breiten Börsenindizes nach unten ziehen. Und nach sechs bis zwölf Monaten würde sich die Schwäche auch auf die Realwirtschaft auswirken, glaubt Reid.
Der Nervosität bei KI-Aktien sind jüngst zum Teil panische Verkäufe bei Kryptowährungen vorausgegangen. Die digitale Leitwährung Bitcoin hat seit dem Höchststand von Anfang Oktober rund 27 Prozent an Wert verloren. Viele deuteten das als Vorbote für eine breitere Korrektur an den Märkten. Doch für Reid ist der starke Rückgang beim Bitcoin ein «Stimmungshinweis».
Denn Kryptowährungen entwickelten sich tendenziell parallel zu Risikoanlagen, «sie sind eine Art Hochrisiko-Version von Aktien», sagt er. Dennoch haben Kryptowährungen als Anlageklasse ihre eigene Dynamik. «Der Ausverkauf ist zwar ein Warnzeichen, darf aber nicht als makroökonomische Warnung überbewertet werden», sagt Reid.
Stabilere Situation
Überhaupt scheint sich die Situation etwa an den Kreditmärkten im Vergleich zum April, als die Renditen von US-Staatsanleihen hochschossen, oder Ende 2024, als der Schuldendienst für Frankreich immer teurer wurde, beruhigt zu haben. Trotz vielen negativen Schlagzeilen in Frankreich seien die Risikoaufschläge bei Anleihen gegenüber Deutschland weit entfernt von Krisenniveaus, sagt Reid beruhigend.
Er blickt zuversichtlich nach vorn. Sogar Deutschland, berüchtigt für strukturelle Sklerose und Wachstumsschwäche, könnte überraschen. So werden gemäss Reid die Auswirkungen des bevorstehenden Konjunkturpakets unterschätzt. Das könne 2026 in Deutschland zu einem stärkeren Wachstum führen als erwartet.
Die Zuversicht dürfte sich auch auf die Märkte auswirken. Das Umfeld für die Aktienmärkte sei sehr günstig, sagt Reid. «Anleger wollen ihre Portfolios so aufstellen, dass sie gut ins neue Jahr starten können.» Er glaubt somit, dass die Börsen sich bis Ende Jahr positiv entwickeln werden, sofern nichts Unvorhergesehenes passiere.





