Auf ein Unternehmen zu setzen, das wie Nvidia 4,5 Billionen Dollar wert ist, braucht Nerven. Der KI-Boom ist aber noch lange nicht zu Ende. Profiteure finden sich auch am Schweizer Aktienmarkt.
Wo Nvidia auftritt, ist das Interesse enorm. IT-Fachleute besuchen den Stand des Chipdesigners an der diesjährigen Messe Computex in Taipeh.
Ritchie B. Tongo / EPA
Es sind schwindelerregende Niveaus, auf die amerikanische Technologiekonzerne gestiegen sind. Im Fall von Nvidia, dem führenden Anbieter von Chips für Anwendungen im Bereich der boomenden künstlichen Intelligenz (KI), beträgt der Börsenwert 4,5 Billionen Dollar. Ihm steht ein Umsatz gegenüber, der im vergangenen Jahr 130 Milliarden Dollar erreichte.
Das wertvollste Unternehmen der Welt wird am kommenden Mittwoch die Geschäftszahlen für das dritte Quartal präsentieren. Für das Gesamtjahr rechnen Analysten wegen des Investitionsbooms vor allem bei der Infrastruktur, ohne die KI-Anwendungen nicht laufen würden, mit einer Umsatzsteigerung von 60 Prozent. Mit rund 200 Milliarden Dollar wird der Konzernerlös aber auch so nur noch einem Bruchteil der Marktkapitalisierung entsprechen.
Der «Big Short»-Investor steigt aus
Im bisherigen Jahresverlauf hat der Aktienkurs von Nvidia weitere 35 Prozent zugelegt. Für Michael Burry, einen bekannten Leerverkäufer aus den USA, ist das des Guten zu viel. Leerverkäufer oder Shortseller wetten auf sinkende Aktienkurse.
Burry hatte sich während der globalen Finanzkrise 2008 einen Namen gemacht. Er erkannte, dass sich in verbrieften Hypothekendarlehen in den USA enorme Risiken aufgestaut hatten. Nachdem er erfolgreich Wetten darauf eingegangen war, schloss er seinen Hedge-Fund. Nun hält er auch bei seinem gegenwärtigen Vehikel die Zeit für gekommen, um die Anteilseigner auszahlen. Dies soll, wie diese Woche bekanntwurde, noch vor Ende Jahr geschehen.
Der Investor, dessen Rolle im Buch «The Big Short» von Michael Lewis verewigt wurde, ist überzeugt, dass die Bewertung von Nvidia stark übertrieben ist. Derselben Auffassung ist Burry beim Software-Unternehmen Palantir Technologies. Die Firma, die 2024 einen Umsatz von 2,9 Milliarden Dollar auswies, wird an der Börse mittlerweile mit über 400 Milliarden Dollar bewertet.
An der Wall Street mehren sich seit Wochen die Zweifel, ob es im Technologiesektor mit den Bewertungen noch weiter nach oben gehen kann. An einzelnen Handelstagen kommt es immer wieder zu Rückschlägen. Eine Korrektur auf breiter Front ist nicht eingetroffen, geschweige denn ein Crash. Der Nasdaq Composite, der als wichtigstes Barometer für die Kursentwicklung amerikanischer Technologietitel gilt, ist im bisherigen Jahresverlauf um fast 20 Prozent gestiegen.
KI kommt in der Realwirtschaft an
Die meisten Anlagestrategen raten davon ab, aus Angst vor einer KI-Blase im grossen Stil Aktien zu verkaufen. Es sei besser, investiert zu bleiben. Das sagt Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin. Das Wachstum, das sich Anleger von der künstlichen Intelligenz versprächen, sei nicht bloss ein Hirngespinst.
Junius verweist auf die überraschend starke Zunahme des Welthandels im ersten Semester dieses Jahres. Zur Steigerung von 6,6 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode hätten fast zur Hälfte Lieferungen von Produkten beigetragen, die für den Aufbau der KI-Infrastruktur benötigt würden. «KI ist in der Realwirtschaft angekommen.»
Der Anlageexperte geht davon aus, dass das Thema KI Investoren noch länger beschäftigen wird. Zugleich warnt er davor, sich auf einzelne Titel zu konzentrieren: Er empfiehlt, die Risiken breit zu streuen. Niemand wisse zurzeit, welche Unternehmen als grösste Gewinner aus dem KI-Boom hervorgehen würden.
Bei J. Safra Sarasin hat man jüngst auch mit dem Aufbau von Positionen bei Energieversorgern begonnen. Die Bank erwartet, dass dieser Sektor verstärkt in den Fokus von Anlegern geraten wird, sobald sich abzeichnet, dass für die Versorgung der energiehungrigen Datenzentren deutlich mehr Strom benötigt wird.
Ausrüster der Strombranche machen gute Geschäfte
Auch bei Julius Bär richtet man das Augenmerk auf die Elektrizitätsbranche sowie deren Ausrüster. Eine interessante Wette sind für die Privatbank die Aktien des grössten Schweizer Industriekonzerns ABB. Diese hatten mit einem Kursanstieg von 13 Prozent seit Anfang Jahr ebenfalls einen guten Lauf. Noch höher in der Gunst der Investoren standen die Titel der beiden Komponentenhersteller Belimo und Huber + Suhner, die um 29 beziehungsweise sogar um 87 Prozent stiegen.
Christian Gattiker, der bei Julius Bär das globale Research leitet, ist auch sonst von vielen Schweizer Industriewerten angetan. Die weltweite Konjunkturschwäche, der starke Franken und die hohen Strafzölle der USA hätten den Unternehmen zugesetzt, sagt er. Doch mittlerweile habe bei mittelgrossen Schweizer Aktien eine Erholung eingesetzt.
«Sie begann ironischerweise just Anfang August, als der Zoll von 39 Prozent in Kraft trat.» Gattiker glaubt, dass Schweizer Industriekonzerne auch im kommenden Jahr mit einer guten Börsenentwicklung rechnen können. 2026 zeichne sich ein besseres Geschäftsklima ab als in den beiden Krisenjahren 2024 und 2025.
Für Thomas Stucki, den Anlagechef der St. Galler Kantonalbank, bieten sich im Schweizer Aktienmarkt ebenfalls vielversprechende Investitionsgelegenheiten. Es seien zwar wiederholt schlechte Geschäftszahlen präsentiert worden. Manche Anleger hätten aber übertrieben darauf reagiert. Firmen wie der Bauchemiekonzern Sika oder das Gesundheitsunternehmen Alcon besässen ein unverändert solides Geschäftsmodell.
Was Engagements im amerikanischen Technologiesektor anbelangt, gehört auch Stucki zu jenen, die weiterhin bedeutende Zuflüsse in Aktien von KI-Spezialisten erwarten. Zugleich hält er es für angebracht, ein Stück weit Gewinne mitzunehmen. «Die Tech-Branche ist dermassen gut gelaufen», sagt er.





