Im Zeitraum 2010 bis 2023 sind die Krankenkassenprämien in der Schweiz im Durchschnitt um 40 Prozent gestiegen. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen und im Herbst erneut für eine hohe Wechselquote bei den Versicherten sorgen.
Schweizer Versicherte müssen auch für die kommenden Jahre mit deutlich steigenden Krankenkassenprämien rechnen. Davon gehen Branchenexperten aus. Marcel Thom, Partner und Leiter Versicherungen beim Beratungsunternehmen Deloitte Schweiz, erwartet für 2026 im Durchschnitt einen Anstieg von zwischen 4 und 5 Prozent. Felix Schneuwly, Gesundheitsexperte beim Online-Vergleichsdienst Comparis, rechnet indessen mit einer Erhöhung von 4 Prozent.
In den Jahren davor waren die Krankenkassenprämien bereits massiv gestiegen. Auf das Jahr 2025 hin hatte es ein Plus von 6 Prozent gegeben, in den Jahren davor waren es 7,9 und 5,2 Prozent gewesen (vgl. Tabelle).
Der Trend zu höheren Prämien zeigt sich auch im langfristigen Vergleich. Laut einer Studie von Deloitte sind die Krankenkassenprämien im Zeitraum 2010 bis 2023 um 40 Prozent gestiegen – oder umgerechnet um jährlich 2,6 Prozent. Die Löhne in der Schweiz haben im gleichen Zeitraum im Schnitt nur um 0,74 Prozent pro Jahr zugelegt.
Der Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher rechnet für 2026 ebenfalls mit einer überdurchschnittlichen Erhöhung der Prämien. Auch für die kommenden Jahre erwartet er wegen der wachsenden Kosten des Gesundheitswesens weitere Prämiensteigerungen.
Viele Versicherte wechseln die Krankenkasse
Aufgrund der hohen Steigerungen bei den Krankenkassenprämien hat sich die Schweizer Bevölkerung in den vergangenen Jahren sehr wechselfreudig gezeigt. Wie die Analyse zeigt, betrug die Wechselquote bei den Krankenkassen im vergangenen Jahr 12 Prozent. Thom rechnet in dieser Hinsicht auch dieses Jahr mit einem «dynamischen Herbst».
Prämienanstiege gelten als wichtigster Kündigungsgrund. In den vergangenen Jahren habe sich gezeigt, dass die Wechselquote stark abhängig sei vom Niveau der Prämienerhöhungen, sagt Locher. Die Versicherten achteten stark auf die Entwicklung der Prämien.
Dabei haben die «Prämienschocks» der vergangenen Jahre die Versicherten wachsam gemacht: Laut der Studie plant fast die Hälfte der Bevölkerung, im Herbst dieses Jahres ihre Krankenversicherungsprämien zu prüfen oder zu vergleichen. Dabei gilt eine Erhöhung der Prämie um 30 Franken pro Monat als wichtige Schwelle: 72 Prozent der Befragten ziehen in diesem Fall einen Wechsel in Betracht, wie eine Befragung von 1200 Konsumentinnen und Konsumenten für die Analyse ergeben hat.
Mit einem Wechsel der Krankenkasse lassen sich die höheren Prämien in vielen Fällen durchaus abfedern. Dies zeigt auch eine Rechnung des Versicherers Axa Schweiz vom März dieses Jahres zu den «Prämienschock-Jahren» 2022, 2023 und 2024. Mit Wechseln zum jeweils günstigsten Anbieter in der Grundversicherung, in ein alternatives Versicherungsmodell und in die höchste Franchise-Stufe konnten Erwachsene im Schnitt 1352 Franken sparen. Bei einer vierköpfigen Familie mit zwei minderjährigen Kindern waren es sogar 3844 Franken.
In der Umfrage für die Deloitte-Studie gaben lediglich 37 Prozent der Befragten an, noch nie die Krankenversicherung gewechselt zu haben. Dabei ist auffällig, dass Haushalte mit geringerem Einkommen seltener die Krankenkasse wechseln als einkommensstarke Haushalte. Thom führt dies darauf zurück, dass sich einkommensschwächere Haushalte wohl weniger mit dem Thema auseinandersetzten und teilweise wohl auch «nichts riskieren» wollten, da sie oftmals Prämienverbilligungen bekämen. «Man kann aber auch die Krankenkasse wechseln und sparen, wenn man eine Prämienverbilligung bekommt», sagt er.
Auffällig ist, wie viele Haushalte mittlerweile in der Schweiz von Prämienverbilligungen profitieren. So erhalten rund 25 Prozent der Personen in der Schweiz eine Prämienverbilligung. «Wenn jede vierte Person die Gesundheitsversorgung in der Grundversicherung nicht mehr bezahlen kann, zeigt dies gewisse Fehlentwicklungen im System», sagt Thom.
Sparen mit alternativen Versicherungsmodellen
Eine weitere Auswirkung des starken Anstiegs der Krankenkassenprämien ist der Boom bei den sogenannten alternativen Versicherungsmodellen. Dazu zählen etwa das Hausarzt-, das Telmed- oder das HMO-Modell. Beim Hausarztmodell müssen Versicherte zunächst ihren Hausarzt aufsuchen, bevor sie zu einem Spezialisten gehen. Bei Telmed ist vor dem Arztbesuch ein Anruf bei einer Beratungsstelle nötig, und beim HMO-Modell werden die Versicherten in Gruppenpraxen behandelt. Im Jahr 2023 wählten in der Schweiz 78 Prozent der Erwachsenen ein alternatives Versicherungsmodell, Versicherte mit einem Standardmodell sind also mittlerweile klar in der Minderheit.
Als weitere Folge der steigenden Prämien gilt die Tatsache, dass immer mehr Versicherte die höchste Franchise von 2500 Franken in der Grundversicherung wählen, um die Prämienbelastung zu reduzieren. Im Jahr 2023 lag der Anteil der erwachsenen Versicherten mit der höchsten Franchise bei 36 Prozent – 2012 war dieser Anteil weniger als halb so hoch. Die meisten Versicherten wählen, je nach Höhe der erwarteten Gesundheitskosten, entweder die 300-Franken- oder die 2500-Franken-Franchise.
Concordia und Helsana liegen bei den Prämien vorne
Bei den tiefsten Prämien für Erwachsene gab es unter den zwölf grössten Schweizer Krankenversicherungen in den vergangenen Jahren deutliche Veränderungen, wie die Deloitte-Studie zeigt. Nach der letzten Prämienrunde lagen Concordia und Helsana mit einem durchschnittlichen 5. Rang in den verschiedenen Prämienregionen vorne, es folgten Sanitas, Atupri, Sympany und ÖKK.
Assura war in dieser Auswertung lange Zeit vorne, ist nun aber auf den durchschnittlichen 9. Rang zurückgefallen. Die CSS war 2022 noch auf dem Durchschnittsrang 4 und ist nun auf Rang 14 zurückgefallen. Die abtretende CEO Philomena Colatrella hat in einem Interview angekündigt, für die nächste Prämienrunde «gut aufgestellt» zu sein.
Kosten des Gesundheitswesens dürften weiter steigen
Das Umfeld spricht für weiter steigende Krankenkassenprämien in den kommenden Jahren. Schneuwly nennt als wichtigste Kostentreiber im Gesundheitswesen den medizinischen Fortschritt, den steigenden Wohlstand sowie die demografische Entwicklung. In der Grundversicherung wird zudem der Leistungskatalog ständig ausgeweitet, was für wachsende Kosten sorgt.
Zudem arbeiteten viele Spitäler in der Schweiz defizitär und verlangten höhere Tarife für ihre ambulanten und stationären Leistungen, führt der Comparis-Gesundheitsexperte weiter aus. Die Teuerung bei den Spitälern sei ein wichtiger Faktor für die höheren Kosten, sagt auch Locher. Zudem verteuerten sich die Konsultationen.
Laut Schneuwly hat bei den «Prämienschocks» der vergangenen Jahre auch der von der Politik erzwungene Reservenabbau bei den Krankenkassen eine Rolle gespielt – ohne diesen wären die Prämien laut Schneuwly im Durchschnitt nur um rund 3 Prozent pro Jahr gestiegen.
Laut der Deloitte-Analyse lagen die Pro-Kopf-Ausgaben in der Grundversicherung in der Schweiz im Jahr 2023 bei 4443 Franken. Davon entfiel der Grossteil mit 39 Prozent auf Spitäler, es folgten ärztliche Behandlungen, Medikamente und Laboranalysen (29 Prozent). Den grössten Zuwachs gab es seit 2019 bei Laboratorien, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten sowie bei Apotheken.
Bei der Physiotherapie dürfte es sich laut der Studie um eine Mengenausweitung handeln. So führten unter anderem die steigenden Ansprüche der Gesellschaft zu mehr Verschreibungen. Bei den Apotheken stehen die Preise im Vordergrund – neue Medikamente führen zu höheren Preisen und Margen für den Handel. Für die kommenden Jahre sei auch mit einem weiteren Wachstum im Bereich der Psychotherapie zu rechnen, weil der Leistungskatalog in der Grundversicherung 2023 ausgeweitet worden sei.
Die gesamten Gesundheitskosten in der Schweiz betragen laut Deloitte 102,8 Milliarden Franken pro Jahr, was laut einer Schätzung der ETH-Konjunkturforschungsstelle (KOF) jährlich 11 300 Franken pro Person entspricht. Davon werden rund 46 Milliarden Franken beziehungsweise etwas mehr als 5000 Franken durch die Krankenversicherer finanziert, ein Grossteil davon entfällt auf die Grundversicherung. Der Anteil der Selbstzahlungen gilt in der Schweiz international gesehen als sehr hoch.
«Insgesamt gesehen ist das Gesundheitswesen in der Schweiz ähnlich teuer wie in anderen westeuropäischen Ländern», sagt Thom. Das System der Kopfprämien in der Grundversicherung führt aber dazu, dass die Kosten für Konsumentinnen und Konsumenten stärker spürbar sind. In anderen Ländern werden die Gesundheitskosten oft über die Steuern finanziert.





