Eine grosse Umfrage bei professionellen Investoren zeigt, wie anspruchsvoll das Anlagejahr 2026 wird. Dies, weil die Schweiz eine einsame Tiefzins-Insel geworden ist.
Gefahrenstufe Rot? Bildschirm der Schweizer Börse SIX Swiss Exchange.
Karin Hofer / NZZaS
Wenn Firmen selbst keine originellen Ideen haben, geben sie gerne eine Umfrage in Auftrag. Das Resultat lässt sich dann als Studie verkaufen, ist aber meist bloss ein Marketinginstrument ohne Nutzen für die Öffentlichkeit.
Auf die neue Erhebung des Vermögensverwalters Swisscanto, der zur Zürcher Kantonalbank gehört, trifft das nicht zu. Im «CIO Survey» wurden Anlagechefs (CIO oder Chief Investment Officers) von 51 Firmen wie der Migros Bank, Pictet oder Safra Sarasin nach ihren Markteinschätzungen und Anlagepräferenzen befragt.
«Es gibt eigentlich schon genügend Umfragen bei globalen institutionellen Investoren», sagt Nicola Grass, Portfoliomanager bei der Zürcher Kantonalbank. «Aber die Situation von Schweizer Anlegern ist derzeit so einzigartig, dass es sich lohnt, ihre Optik separat abzufragen.»
In der Schweiz gibt es einen wachsenden Anlagenotstand, den man anderswo nicht hat. Darin unterscheidet sich die heutige Situation von früheren Durststrecken: «Als wir Negativzinsen hatten, war die Schweiz aus der Anlage-Optik noch keine Insel, es gab ein globales Tiefzinsumfeld», sagt Grass.
Doch nun ist die Zinsdifferenz zwischen dem Franken und allen anderen Währungen sehr gross. «In normalen Zeiten würde das eigentlich zu einer Abschwächung des Frankens führen. Aber weil die Inflation und die Staatsverschuldung in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern so tief sind, ist diese Abschwächung ausgeblieben», sagt Grass.
Erschwerend kommt dazu, dass mit amerikanischen Staatsanleihen und dem Yen dieses Jahr zwei sichere Häfen weggefallen sind. Jetzt blieben nur noch der Franken und Gold, so der ZKB-Experte.
Es ist also sehr schwierig geworden, für Kunden zu investieren, die gute Anlageresultate in Franken erwarten. Zum Vergleich: Wer dem amerikanischen Staat für zehn Jahre Geld leiht, erhält 4,2 Prozent Rendite, was deutlich über der amerikanischen Teuerung liegt. Ein «Eidgenosse» mit der gleichen Laufzeit wirft dagegen nur etwa 0,3 Prozent ab.
Das Geld in Fremdwährungen zu investieren, ist aber meist noch heikler, als dieses in kaum rentierenden Schweizer Anleihen zu parkieren. Der Dollar hat dieses Jahr schon 12 Prozent gegenüber dem Franken eingebüsst. Es besteht das Risiko einer weiteren Talfahrt. Eine Absicherung von Dollar oder Euro ist zurzeit ebenfalls unpraktikabel, weil sie sehr teuer wäre.
Deshalb haben fast alle CIO von Schweizer Banken und Vermögensverwaltern die gleichen Anlagepräferenzen: Sie investieren am liebsten in Aktien, in Gold und Schweizer Immobilien.
Nur: Bei Gold ist es bereits zu starken Preisanstiegen gekommen. Auch viele Aktien sind teuer – zumal in den globalen Indizes die besonders hoch bewerteten amerikanischen Technologieaktien dominieren. Und wer in Immobilien investieren will, zahlt massive Aufschläge (Agios) auf den inneren Wert dieser Anlagevehikel: «Die Agios auf Schweizer Immobilienfonds von derzeit 36 Prozent sind nicht mehr weit weg vom Rekordwert von 45 Prozent, den wir im Sommer 2021 erreicht hatten», sagt Grass.
Er beobachtet ein «prozyklisches Verhalten», wie er sagt. «Schweizer CIO erwarten offenbar, dass jene Anlagen, die dieses Jahr gut gelaufen sind, auch 2026 gut laufen werden.» Die derzeitige Situation sei nicht ungefährlich: Wenn der Wind plötzlich drehen würde, könnten die Preise von Gold, Aktien und Schweizer Immobilien gleichzeitig fallen, so Grass.
Wie beurteilt das einer der befragten Entscheidungsträger? «In der Schweiz haben wir einen neuen Anlagenotstand, und Immobilien sind nun einmal die naheliegende Anlageklasse, wenn Frankenanleihen keine Rendite mehr abwerfen», sagt Thomas Rühl, der Anlagechef der Schwyzer Kantonalbank.
Auch die Präferenz für Gold findet er gut erklärbar: «Wenn die globale Unsicherheit stark steigt und Notenbanken eine Alternative zum Dollar und zu amerikanischen Staatsanleihen suchen, landen Investoren unweigerlich beim Gold.» So gesehen seien die Umfrageergebnisse nicht erstaunlich. Aber auch Rühl ist sich bewusst: «Es gibt eine gewisse Gefahr, wenn alle gleich denken und sich gleich positionieren.»
Alternativen sieht er gleichwohl keine. Rühl rechnet sogar noch mit einer Verschärfung des Anlagenotstands. Die Schwyzer Kantonalbank erwartet, dass sich der Franken Jahr für Jahr weiter aufwerten wird, weil es in der Schweiz null Teuerung gibt – diese in Europa dagegen bei 2 Prozent liegt und in den USA noch höher.
«Dazu kommen die riesigen Schuldenberge, die wohl weginflationiert werden müssen. Es gibt die Gefahr, dass der Franken schon bald zu attraktiv wird. Deshalb denken wir, dass die Nationalbank im ersten Halbjahr 2026 wieder Negativzinsen einführt», sagt Rühl.
Bemerkenswert ist, dass die Schweizer CIO hoch bewertete amerikanische Aktien derzeit übergewichten, obwohl sie sich der Gefahr einer KI-Blase eigentlich bewusst sind. Punkto Schweizer Aktien zeigen sie sich vergleichsweise zurückhaltend, auch wenn diese, historisch gesehen, eher günstig bewertet sind. «Das hat möglicherweise mit den Problemen der drei Indexschwergewichte, allen voran mit Nestlé zu tun», sagt Grass.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»





