Wenn nicht alles täuscht, drohen nicht so schnell Korrekturen an der Börse. Mitte nächstes Jahr aber droht Ungemach.
Passantinnen und Passanten überqueren in Shanghai eine Fussgängerbrücke mit einer Anzeigetafel für aktuelle Börsen- und Wirtschaftsdaten.
Alex Plavevski / EPA
Spätestens wenn sich der Samichlaus mit seinem Esel aus dem tiefen Tannenwald aufmacht, um meinen Kindern die Rute zu zeigen, ist es wieder so weit: Das E-Mail-Account füllt sich mit den Ausblicken von Banken und Vermögensverwaltern auf das Anlagejahr 2026.
Ich versuche, möglichst viele von ihnen zu überfliegen, mit der meist vergeblichen Hoffnung, etwas Originelles zu finden – Inspiration für Kolumnen wie diese hier.
Das hat weniger mit den Autoren dieser Börsenbriefe zu tun als mit der Übung selbst: Es ist nun einmal schwierig, in ein neues Jahr zu blicken und dort etwas fundamental Neues zu erkennen.
Die vernünftigste Annahme ist eigentlich immer, dass es im nächsten Jahr genau so weitergeht wie im ausgehenden Jahr. Gleichzeitig ist «more of the same» keine besonders gute Basis für eine packende Lektüre.
Zum Denken angeregt hat mich aber ein Marktkommentar von Fisch Asset Management, einem Zürcher Vermögensverwalter. Er betont den Einfluss der globalen Liquidität auf die Börsen.
Wieso ist das interessant? Die globale Liquidität ist ein stark unterschätzter Treiber für alle risikobehafteten Vermögenswerte. Es handelt sich eigentlich um die Gesamtmenge des leicht verfügbaren Geldes im Finanzsystem. Diese mehrt sich, wenn Notenbanken ihre Zinsen senken. Aber zum Beispiel auch, wenn private Banken mehr Kredite vergeben.
Der Zusammenhang mit der Börse ist: Je mehr Geld in Umlauf gelangt, desto grösser wird die Risikobereitschaft der Investoren. Steigt die globale Liquidität, steigen auch die Bewertungen von Aktien, Immobilien und Co.
Fisch Asset Management schreibt, dass die steigende Liquidität die weltweiten Finanzmärkte auf dem Weg ins neue Jahr unterstütze. Aber warnt zugleich davor, dass sie Mitte 2026 ihren Höhepunkt erreichen werde: Dann steigen die Risiken für die Kapitalmärkte.
Als Anleihenspezialist ist sich Fisch Asset Management stärker als andere Vermögensverwalter bewusst, dass nächstes Jahr eine grosse Refinanzierungswelle auf uns zukommt. Während der Corona-Pandemie haben viele Unternehmen die niedrigen Zinsen dafür genutzt, Anleihen herauszugeben.
Viele dieser Kredite werden nun nächstes Jahr zur Rückzahlung fällig. Ebenfalls von der Refinanzierungswelle betroffen seien rund zehn Billionen Dollar an amerikanischen Staatsanleihen, so Fisch. Diese gleichzeitige Fälligkeit von so vielen Bonds entzieht den Märkten wahrscheinlich Liquidität.
Ich interpretiere das für mich so: In den kommenden Monaten müssen wir uns noch keine Sorgen machen über grössere Korrekturen am Aktienmarkt – trotz hohen Bewertungen und den augenfälligen Übertreibungen bei KI. Zumal die US-Notenbank schon diese Woche die Zinsen erneut senken dürfte. Prognosemärkte sehen eine Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent für eine Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte.
Vielleicht ist es im Frühsommer 2026 aber angezeigt, Risiken zu reduzieren. Ohnehin rät das Börsenbonmot «Sell in May and go away» dazu, Aktien vor den Sommerferien zu verkaufen. Ich schreib mir das jetzt unter dem Datum 1. Mai 2026 in meine Agenda.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»





