Während Börsenhändler Festtagspause machten, gaben Teilnehmer auf Polymarket und Kalshi zu jeder Zeit Bewertungen ab, wie lange Venezuelas Diktator noch im Amt sein wird.
Werbung von Polymarket mit Bezug auf das Rennen zwischen Zohran Mamdani und Andrew Cuomo bei der Wahl zum Bürgermeister von New York.
Olga Fedorova / AP
Dieses Wochenende hat sich einmal mehr gezeigt: Die herkömmlichen Finanzmärkte sehen im Vergleich zu sogenannten Prognosemärkten manchmal uralt aus.
Während Börsenhändler die Festtage für eine lange Pause nutzten, handelten Teilnehmer auf Kalshi und Polymarket laufend Kontrakte zu der Frage, wie lange Venezuelas Diktator Nicolás Maduro noch im Amt ist oder wann US-Truppen in Venezuela einmarschieren.
Prognosemärkte sind ein neueres Phänomen. Viele haben erst im US-Präsidentschaftswahlkampf von ihnen Kenntnis genommen. Sie zeigten Tage vor den traditionellen Instituten an, dass Donald Trump in Führung liegt.
Wieso bilden Kalshi und Polymarket die Realität oft besser ab als Umfragen oder Expertenmeinungen? Weil nur diejenigen eine Wette eingehen, die sich wirklich ein Urteil zutrauen: Schliesslich verliert man sein Geld, wenn man falschliegt.
Das ist ein wichtiger Unterschied zur Meinungsforschung. Dort kommt oft das heraus, was sich die Befragten erhoffen oder was sozial erwünscht ist.
Umfragen bei Experten oder der Bevölkerung sind oft schon veraltet, wenn sie veröffentlicht werden, da die Datenerhebung Tage dauert.
Dazu kommt – und das ist problematisch –, dass auf den kaum regulierten Prognosemärkten auch Insiderwissen einfliesst: Bestimmt haben einige US-Armeeangehörige nach ihrem Einsatzbriefing darauf gewettet, dass das Regime von Maduro fällt. Und weil sie überdurchschnittlich überzeugt waren, richtig zu liegen, wetteten sie vermutlich auch grössere Beträge und beeinflussten die Kurse wohl stark in die richtige Richtung.
Denn genau auf so konkrete Fragen kann man setzen: Die Wette: «Maduro ist bis 31. Dezember 2026 weg» hat zum Beispiel auf Polymarket schon Ende Dezember eine Wahrscheinlichkeit von 55 Prozent angezeigt. Dann fielen die Kurse erst, bevor sie am 3. Januar die Ereignisse in Echtzeit verarbeiteten und bis auf 100 Prozent stiegen.
An den herkömmlichen Börsen kann man natürlich nicht direkt auf das politische Überleben eines Diktators wetten. Und schon gar nicht rund um die Uhr.
Diese Vorteile veranlassen mich, schon seit über einem Jahr mehrmals wöchentlich bei Kalshi oder Polymarket vorbeizuschauen. Natürlich sind nicht alle Voraussagen aussagekräftig: Doch die Resultate von Wetten mit einem grösseren Volumen nehme ich sehr ernst.
Etwa, wenn ich wissen will, wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass die US-Notenbank Fed diesen Monat die Zinsen senken wird, oder wen die Demokraten wohl als nächsten Präsidentschaftskandidaten nominieren.
Prognosemärkte werden eine grosse Zukunft haben. Diese Prognose wage ich, ohne dafür andere Quellen zu konsultieren.
Wer aus der Schweiz ohne VPN-Verbindung auf Kalshi.com zugreift, bekommt übrigens diese Mitteilung der Eidgenössischen Spielbankenkommission zu sehen: «Die von Ihnen aufgerufene Internetseite enthält Geldspielangebote, die in der Schweiz nicht bewilligt sind. Es besteht keine Gewähr für eine sichere, transparente und sozialverträgliche Spielabwicklung. Der Zugang ist gemäss Art. 86 ff. des Bundesgesetzes über Geldspiele gesperrt.»
Eine bessere Werbung für VPN-Anbieter kann ich mir nicht vorstellen.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»







