Die Basellandschaftliche Kantonalbank (BLKB) hat keinen geeigneten Käufer für Radicant gefunden. Die Finanz-App wird verschwinden.
Keine Zukunft: Die Basellandschaftliche Kantonalbank wird Radicant liquidieren.
Georgios Kefalas / Keystone
Die Radicant-App lässt sich am Dienstag problemlos öffnen. Das Geld ist auf dem Konto, die Säule 3a ist auch noch da. Wie lange noch, ist unklar. Seit Dienstag ist Radicant Geschichte. Was das für die rund 18 000 Kunden bedeutet, weiss niemand so genau: «Radicant gibt die Geschäftstätigkeit auf und sucht Anschlusslösungen», heisst es in einer Mitteilung.
Die Kundeneinlagen bleiben «vollständig geschützt», auch jene über 100 000 Franken, heisst es auf Anfrage seitens Radicant. Die Kunden dürften also kein Geld verlieren, und die Vermögen, die in nachhaltigen Fonds und Zertifikaten investiert sind, bleiben in ihrem Besitz. Bis eine Lösung für die Kunden gefunden sei, werde die App weitergeführt und gewartet.
Die Eigentümerin von Radicant, die Basellandschaftliche Kantonalbank (BLKB), will derweil eine «geordnete Liquidation» einleiten. Die Banklizenz will man zurückgeben. Was mit den 94 Radicant-Mitarbeitenden in Zürich und Lissabon geschieht, ist offen. Einen Sozialplan gibt es nicht. Das Personal wird für die Abwicklung noch gebraucht, diese könnte bis zu drei Jahre beanspruchen.
Thomas Bauer, der Bestatter
Für die BLKB geht ein schmerzhaftes Kapitel zu Ende. Die 2021 als «grüne» Digitalbank gegründete Radicant hatte in den letzten Jahren für Millionen-Abschreiber und Kontroversen im Kanton Baselland gesorgt. Die Radicant-Führung hatte sich abschätzig über Lokalpolitiker geäussert. Einige forderten, dass sich die BLKB von ihren verlustreichen Fintech-Ambitionen verabschiedet.
Für den Bankratspräsidenten Thomas Bauer war schnell klar, dass das Fintech für die Staatsbank ein Fass ohne Boden ist. Wenige Wochen nach Amtseintritt fällte er Ende September im Bankrat den Entscheid, Radicant zu verkaufen.
Gratis wollte Bauer das Fintech aber nicht weggeben. An einer Telefonkonferenz erklärte er, dass die Bankspitze bis am vergangenen Freitag Verhandlungen mit Kaufinteressenten geführt habe. Der Entscheid, die Neobank sterben zu lassen, fiel erst am Montagabend.
«Ein vielfältiger Strauss von zum Teil hochkarätigen Interessenten» hätte gemäss Bauer Interesse an Radicant gezeigt. Darunter seien mehr als zwanzig Banken, Wertschriftenhäuser und sonstige Institute aus dem In- und Ausland gewesen. Dem Vernehmen nach hatte die Finma bei manchen Anwärtern jedoch Bedenken. Wegen zusätzlicher regulatorischer Abklärungen hätte sich deshalb der Verkaufsprozess dahingezogen.
Bauer kennt sich mit Regulierungsfragen aus, er war von 2016 bis 2020 Präsident der Finma. Ende August setzte ihn der Regierungsrat des Halbkantons als Interims-Bankpräsidenten ein. Der bisherige Präsident, Thomas Schneider, und der CEO der BLKB, John Häfelfinger, hatten die Kantonalbank verlassen – wegen des Debakels mit Radicant.
Nach diesem Knall entschied das Kantonsparlament, eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) einzusetzen, um die Vorgänge rund um die Übernahme der Firma Numarics zu durchleuchten, die Radicant Ende 2024 hastig durchgeführt hatte.
Langer Verkaufsprozess zu teuer
Warum scheiterte der Versuch der BLKB, Radicant zu verkaufen? Gemäss Bauer konnte «trotz intensiver Gespräche» keine tragfähige Lösung gefunden werden, weil finanzielle und vor allem zeitliche Vorstellungen nicht erfüllt werden konnten. Bauer wollte Radicant möglichst schnell loswerden, denn mit jedem Tag, an dem die App weiterläuft, wachsen die Verluste beim Fintech.
Aber auch der Bedarf nach weiteren Abschreibungen bei der BLKB ist immer grösser geworden. Noch ist Radicant mit einem Wert von 25 Millionen Franken in den Büchern der Bank verbucht. Im Juli musste die BLKB eine Wertberichtigung von mehr als 105 Millionen Franken vornehmen, was die Bankspitze den Job kostete.
Bauer war die Ungewissheit, die mit einer langwierigen Verkaufstransaktion verbunden war, zu gross. Es gebe keine Sicherheit, dass ein Verkauf wirklich zustande komme, «der Käufer kann sich bis zuletzt zurückziehen», sagt er. Parallel laufen aber die Betriebskosten weiter. Das habe zum «schnellen Entscheid» einer Liquidation geführt.
Abschreibungen und Kosten für die Liquidation werden laut der Bank das Jahresergebnis der BLKB um voraussichtlich 165 Millionen Franken mindern. Der operative Geschäftsgang für 2025 bleibe auf dem Niveau des Vorjahres. Ob im Zuge der Abwicklung weitere Wertberichtigungen nötig sein werden, ist unklar. «Die Bilanz wird im alten Jahr aufgeräumt», sagt Bauer. Wichtig sei, dass die BLKB wieder nach vorn schauen könne.
Verantwortlichkeitsklagen drohen
Die BLKB will sich künftig auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und «auch in Zukunft für ihre Kundinnen und Kunden in der Region mit dem vollen Leistungsangebot da sein». Dieses Bekenntnis der Bank zur Region ist auch ein Sieg für Kräfte in der basellandschaftlichen Politik, die dem Radicant-Projekt seit Jahren kritisch gegenüberstehen und es mit einer Initiative politisch bekämpft haben.
Für Peter Riebli, Kopf der Radicant-Kritiker und Parteipräsident der SVP Baselland, handelt es sich um ein «Ende mit Schrecken». Finanziell sieht er grossen Schaden für die Bank: «Ich gehe davon aus, dass die Gesamtkosten für Radicant bis zu 250 Millionen Franken betragen könnten», sagt er. Er zeigt sich wenig überrascht, dass kein Verkauf zustande gekommen sei. Potenzielle Käufer dürfte es nicht gerade dazu animiert haben, einen anständigen Preis zu bieten, wenn die BLKB kommuniziert, man wolle schnell verkaufen oder sonst liquidieren, sagt er.
Mit der Liquidierung ist für Riebli der Fall Radicant nicht abgeschlossen. Schon nach der Publikation eines Zwischenberichts zur Numarics-Transaktion müsse man Verantwortlichkeitsklagen in Betracht ziehen, sagt der Politiker. Es gebe Hinweise dafür, dass die Due Diligence nicht seriös gemacht worden sei und es zwischen Bankrat, Bankleitung und Regierung Kompetenzüberschreitungen gegeben habe. «Die PUK muss die Vorgänge sorgfältig aufarbeiten», sagt er.
Die Liquidation dürfte keinen Einfluss auf die politische Aufarbeitung haben. Der Kanton dürfte ohne direkten finanziellen Schaden davonkommen. Trotz bedeutend weniger Gewinn soll die Dividende für die Besitzer von Zertifikaten der Bank und somit auch für den Kanton gleich hoch ausfallen. Für die Radicant-Kunden ist das ein schwacher Trost. Sie werden sich nach einer neuen Digitalbank umsehen müssen.





